Sonntag, den 9.Dezember 2001

09.12.2001

Zuerst mal möchte ich allen herzlich danken, die diese Tournee ermöglicht haben. All jenen, die nicht auf der Bühne gestanden haben, ohne deren Engagement aber kein Konzert statt gefunden hätte.
Karsten Jahnke und seine Mitarbeiter, Manfred Berkard, Reinhard Berlin, Jo Hilscher, Günter Bauch, Christoph Bohmeier, Robin Gilchrist, Martina Brendt, Markus Escher und natürlich die nimmer müde Dani. Sie und unser Publikum haben uns schweben lassen.
Es ist immer wieder schwer, von der Bühne Abschied zu nehmen, und würden wir nicht im Frühjahr weiterspielen, wäre es fast unerträglich, jetzt schon aufzuhören.
Ihr werdet natürlich sobald wie möglich erfahren, welche Städte wir wiederholen (wie München und Berlin) und wo wir sonst noch gastieren werden.

Eure Gästebucheintragungen und die Gespräche nach den Konzerten haben mir gezeigt, dass es sehr viele denkende und fühlende Menschen gibt, die sich freuen über lebendige Musik und die sehr wohl zwischen Propaganda und Information zu unterscheiden wissen.
Und zwischen Wissen und Bewusstsein.
Menschen, die sich sehr viel ernsthafter mit den Hintergründen unserer gierigen und kriegerischen Welt auseinandersetzen, als die meisten unserer Politiker.
Menschen, die bereit sind, auch den Kriegen in der eigenen Psyche ins Gesicht zu sehen.
Aber wir werden repräsentiert von Politikern, die sich für alles Zeit nehmen, außer für sich selbst, und von Managern, deren einziges Streben Gewinnmaximierung ist. (Jede persönliche Entwicklung ist dann meistens nur Mittel zu diesem einen materialistischen Zweck.)
Was soll ich davon halten, wenn unser Kanzler Schröder offen bekennt: "... Eins ist klar, ich betreibe relativ wenig Selbsterforschung, aus vielerlei Gründen" und auf die Frage: "Weil Sie gar nicht wollen, dass Sie sich näher kennen lernen?" antwortet: "Ich mich selber? - Vielleicht auch das. Ich muss mir die Fähigkeit behalten, zu verdrängen, als Selbstschutz".
Unsere Führungskräfte kleistern uns zu mit ihrer Vorstellung der Welt, fachlich mehr oder weniger abgesichert, aus dem jeweiligen Kulturkreis dem sie entstammen genährt, aber eben nichts als Vorstellung. "Willst du das Ganze erfahren, musst du in dich gehen", schreibt Krishnamurti. Nur über die Selbsterkenntnis lässt sich die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit erfahren, und genau an dieser Selbsterkenntnis mangelt es unseren politischen Führern.
Wenn Herr Struck sagt, eine Koalition mit Gysi sei schon deshalb bedenklich, weil er einer Partei angehöre, die sich gegen diesen Krieg ausspricht, dann halte ich das schlichtweg für einen Skandal.
Man muss sich neuerdings beschimpfen lassen, wenn man Konflikte anders lösen möchte als mit Streubomben. Als sei jeder 68er, der nicht die gleiche Wende vollzogen hat wie Joschka Fischer, ein Auslaufmodell, unfähig zum Weiterdenken und den Anforderungen moderner Politik nicht gewachsen. Als müssten alle Argumente gegen diesen Krieg einer alten, verknöcherten Linientreue entspringen und die Renegaten seien die Einzigen, die sich weiter entwickelt hätten.
Es gehört sicher Mut dazu, seine eigene Einstellung in Frage zu stellen.
Aber es kann Zeiten und Situationen geben, wo es mutiger ist, ihr treu zu bleiben.
"Zwischen Streubomben und Lichterketten gibt es noch viel Raum für Politik" schrieb Navid Kermani neulich in der Süddeutschen Zeitung. Genau diese Politik vermisse ich schmerzlich.
Susan Sontag sagte bei einer Rede anlässlich einer Preisverleihung:
"Ich bin Schriftstellerin. Es geht nicht darum meine Meinung zu verkünden, sondern die Wahrheit zu sagen".
Die Suche nach den wahren Ursachen, die nicht nur in der Politik, sondern vor allem auch in uns selbst zu suchen sind, sollten wir nicht aufgeben.
Ich wünsche mir von Herzen, dass den Afghanen nun, da die Bomben nun mal gefallen sind, eine menschlichere Zukunft bevorsteht.
Und ich hoffe, dass dieser Sieg nicht Anlass sein wird, in anderen Ländern weiterzubomben.

Eine der bemerkenswerten Grundaussagen der postmodernen Revolution in Philosophie, Soziologie und Psychologie lautet, dass es unterschiedliche Weltsichten gibt.
Wir haben es also nicht mit einer monolithischen Welt zu tun, sondern vielmehr mit multiplen Welten und ihren verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten. (Das bedeutet nicht, dass jede Weltsicht gleichwertig zu akzeptieren ist. Sonst müsste man die Nazis kritiklos gelten lassen.)
Das Tröstliche daran ist, wie Ken Wilber weiter treffend bemerkt, dass es innerhalb der Interpretationen genügend gemeinsame Merkmale gibt, sodass unsere Welt nicht auseinander zu fallen braucht.
Eines dieser gemeinsamen Merkmale sollte die Erkenntnis sein, dass Krieg nicht mit Krieg zu besiegen ist.
Es geht jetzt nicht nur um Schadensbegrenzung, sondern vor allem darum, dem atavistischen Weltbild mit dem Ideal einer wirklich friedlichen Welt entgegen zu treten.
Zu diesem geistigen Wandel sind wir alle, auch in unserem privaten Leben, aufgefordert.
Und deshalb darf die Idee des Pazifismus nicht sterben, auch wenn sie für viele in den siebziger Jahren nur Attitüde war.

Zum Schluss möchte ich Euch noch ein paar Gedanken mit auf den Weg geben, die ich mir während der Tour notiert hatte, als ich - leicht schmunzelnd - Eure Diskussionen im Forum, meine Jeans betreffend, verfolgt hatte:


Das ist schon so eine Crux mit den Idolen!
Von all demjenigen, womit die Menschen normalerweise Schwierigkeiten haben, also mit Geld, Essen, Sex, Beziehungen, Begierden, sollen ihre Idole frei sein.
Als "Ichlose Weise über den Dingen schweben". Redende Köpfe, vom Hals abwärts tot, frei von menschlichen Begierden und Lüsten.
Man wünscht sich ein Idol, das weniger ist als eine Person, frei von all den drängenden, chaotischen, wirren und pulsierenden Kräften, die uns Menschen eben so umtreiben.
Also das alles soll in ihm nicht vorhanden sein, was einem selbst zu schaffen macht.
Was würde so ein Idol taugen?
Was könnte es uns bieten?
Wie perfekt kann ein Mensch sein, wie perfekt soll er sein und wer bestimmt das Maß der Perfektion?
Um Missstände zu erkennen, muss man von ihnen gepeinigt sein. Um sie zu ändern braucht es aufrichtige Arbeit an sich selbst. Das bedeutet Geduld.
Nicht blinder Aktionismus ist nötig, sondern ein Tun, das sich aus dem Erkennen, aus dem Verstehen schließlich von selbst ergibt.
Keine Show, um zu gefallen, um ein Bild zu erfüllen, sondern sich selbst mit neuen Inhalten beleben.
Wenn wir nur endlich lernen würden, dass unsere Unfähigkeit einander zu verstehen, einzig daraus erwächst, dass wir nicht von unseren Bildern, unseren Vorstellungen loslassen wollen.
Sich immer neu erfinden heißt auch, allem anderen die Chance geben, neu entdeckt zu werden.
Ein perfektes Idol kann man sich an die Wand hängen, als Ikone anbeten, aber es wird der eigenen Entwicklung nicht förderlich sein.
So was endet meistens mit Kreuzzügen und Inquisitionen.
Ein Idol ist ein Bild, aber nur der Mensch dahinter, der lebende, leidende, hoffende, taumelnde, suchende, liebende, verzweifelte Mensch hinter diesem Bild taugt dazu, den eigenen Entwicklungsweg anzustoßen oder gar ein Stück weit zu begleiten.
Und jeder Andere wächst in dem Maß, indem man sich selbst zu wachsen gestattet.
(Dem Weisen wird nicht alles weiser, aber er versteht die Zusammenhänge besser, die zu Ignoranz und Engstirnigkeit führen.)
Ich tauge nicht zum Idol und schon gar nicht zum Guru.
Noch lebe ich ( mit all der Hoffnung und Verzweiflung, die dazu gehört) und ich möchte mich weiter schreibend und denkend entdecken, musizieren und meditieren, und mich immer mehr von dem befreien, der ich zu sein glaube.
Natürlich freue ich mich über das Vertrauen, das mir und meinem Suchen entgegengebracht wird.
Und ich habe beschlossen, es sehr ernst zu nehmen.
Aber jeder muss nun mal seinen eigenen Weg gehen; wichtig ist doch einzig und allein, dass er ihn geht.
Das ist nicht möglich ohne Austausch, ohne Zuhören, ohne Anstöße, aber auch nie ohne Stille und Schweigen, und dem Versuch, das zu erfahren, was hinter den Bildern, den Vorstellungen und den eigenen, oftmals sehr geschwätzigen, Gedanken ruht.

Ich wünsche Euch allen ein friedliches Weihnachtsfest, das mir erst wieder wesenlich wurde, als ich in einer Predigt Meister Ekkehard´s lesen konnte:
Was könnte mir schon Christi Geburt bedeuten, wenn er nicht in mir selbst geboren würde?

Alles Liebe
Euer Konstantin

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