Montag, den 8.April 2002

08.04.2002

Kurz vor Tourneebeginn möchte ich Euch noch auf ein Buch aufmerksam, das ich erst jetzt kennen lernen durfte.
Vielleicht ist es einigen von Euch ja schon lange bekannt - mir wurde es von einem Konzertbesucher empfohlen, und ich kann es nun nicht mehr aus der Hand legen.
Ich glaube ich werde dieses Buch immer und immer wieder lesen, denn ich lerne Seite für Seite mich selbst besser kennen.
Ein wirklich epochales Buch und vielleicht die "beste sozialpsychologische Studie seit den Arbeiten von Erich Fromm" (Aargauer Zeitung.)
Diesem Lob kann ich mich nur anschließen.

"Der Fremde in uns, das ist der Teil, der uns abhanden kam und den wir zeit unseres Lebens, jeder auf seine Weise, wiederzufinden versuchen. Manche tun dies, indem sie mit sich selbst ringen, andere, indem sie andere Lebewesen zerstören. Der Widerstreit zwischen diesen zwei Ausrichtungen des Lebens, die beide von derselben Problematik bestimmt sind, wird über die Zukunft unseres Menschseins entscheiden...Ich möchte Mut machen für das tägliche Engagement, sich immer wieder und bei jeder Gelegenheit dem Herzen zu widmen.

.....Fremdenhass hat auch immer etwas mit Selbsthass zu tun. Wenn wir verstehen wollen, warum Menschen andere Menschen quälen und demütigen, müssen wir uns erst mit dem beschäftigen, was wir in uns selbst verabscheuen. Denn der Feind, den wir in anderen zu sehen glauben, muss ursprünglich in unserem eigenen Inneren zu finden sein. Diesen Teil von uns wollen wir zum Schweigen bringen, indem wir den Fremden, der uns daran erinnert, weil er uns ähnelt, vernichten. Nur so können wir fernhalten, was uns in uns selbst fremd geworden ist.
... Menschen, die eine innere Kohärenz entwickeln konnten und daraus ihr Identitätsgefühl beziehen, verlieren auch unter extremen Frustrations- und Deprivationsbedingungen nicht ihr Vertrauen und ihren Glauben an sich selbst.
Die für unsere Kultur typische Identität, die auf einer Identifikation mit Angst einflößenden Autoritäten beruht, ist dagegen ständig von Auflösung bedroht. Solche Menschen können ihr Selbst nur durch die Schaffung von Feindbildern konsolidieren.
Das Fremde in uns ist die Folge einer Kultur, die Kinder in ihrem Lebendigsein nicht wahrnehmen kann und darf. ......
... Der Fremde in uns bleibt uns verborgen, gerade weil eine zunehmend nach außen orientierte Welt die innere Leere, die damit in Verbindung steht, überdeckt. Wir sind ausgefüllt mit Aktivitäten, die permanent unsere Sinnesorgane stimulieren. So verwechseln wir Bewegung mit Lebendigsein und schauen zu denen auf, die scheinbar mitten im Leben stehen, weil sie ständig in Aktion sind."

Es geht um die Identität des Menschen. Die Frage nach der Identität ist zugleich die Frage nach seinem Menschsein und zugleich die Frage nach dem Schaden in Körper und Seele, den ein Mensch aushalten kann, um sein Menschsein festhalten zu können. Wie konnte über Jahrtausende hinweg soviel Unmenschlichkeit entstehen, die bis heute weitergeführt wird? Die Krise unserer Welt lässt sich nicht auf nationale, ökonomische oder technologische Probleme reduzieren. Sie liegt in unserer Definition, in unserem eigentlichen Verständnis des Menschen. Wir nennen das, worin wir leben stolz "Zivilisation", doch haben unsere Gesetze und Techniken ein Eigenleben entwickelt, das sich gegen unser seelisches und körperliches Überleben richtet. Identität entsteht oft aus Identifikation mit dem schon lange vorhandenen, vorgelebten Leben anderer. Warum lernt der Mensch nicht aus seiner eigenen Geschichte?

Natürlich können diese kurzen Auszüge kaum das vermitteln, was einem das Buch bietet.
Arno Grün: Der Fremde in uns
Klett-Cotta
ISBN 3-608-94282-3

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