Dichter voller Zärtlichkeit und Wut

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

18.03.2019

Quelle

Weinheimer Nachrichten

Autor / Interwiever

Margit Raven

Mit freundlicher Genehmigung der Weinheimer Nachrichten https://www.wnoz.de/wn .

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Dichter voller Zärtlichkeit und Wut

WEINHEIM, 18.03.2019

Liedermacher und Poet Konstantin Wecker begeistert in der ausverkauften Stadthalle.

Weinheim. Stets befand er sich auf der Suche nach dem Wunderbaren, dieser 1947 in München geborene Konstantin (Amadeus) Wecker. Ein Ausbrecherkönig, der die Fesseln abstreifte, von zu Hause ausrückte, um als freier Dichter zu leben. Denn Poesie, sagt er auch heute noch, ist Widerstand. „Empört Euch, gehört Euch und widersteht“. So kommt es auch an diesem Abend in der ausverkauften Stadthalle, dass er sich erst einmal an den Flügel setzt, die Tasten mit jener Dramatik anschlägt, mit der er viele seiner Lieder einleitet.

Weil sie eben oft dramatisch sind, wie das von „Willi“, der von den Rechten erschlagen wird. 1968 hat er es geschrieben, ein halbes Jahrhundert später ist es immer noch erschreckend aktuell. Wecker spricht von „jenem Gauland“, der die Nazivergangenheit einen „Vogelschiss“ nennt. Er schimpft auf den ganzen fahnenschwenkenden Unsinn, kehrt dann zurück zum bitteren Refrain: „Jetzt haben’s den Willi erschlag’n, heut, ja heut’ wird er begrab’n“.

Poesie, sagt Wecker, kann und soll auch Angst machen. „Das Leben will nicht stramm marschieren. Es lädt zum Tanzen ein. Wer mit dem Leben tanzen will, muss ungehorsam sein“, heißt es in einem neuen Song. Er singt ihn mit diesem unverwechselbar warmen Bariton, der jeden Aufschrei wie eine Kuscheldecke umhüllt und doch von seiner Kraft nichts verloren hat.

Seine Fans lieben ihn, auch wenn es bei seinen Konzerten manchmal zugeht wie bei einer Kundgebung. Man spürt diese Zuneigung auch an diesem Abend in der Stadthalle, wenn es mucksmäuschenstill wird und die Zuschauer an seinen Lippen hängen.

Längst hat er seinem langjährigen Bühnenpartner, dem großartigen Pianisten Jo Barnickel, den Platz am Flügel überlassen. Sie sind ein eingespieltes Team. „Niemand kennt mich so gut wie Jo“, meint Wecker und nimmt am Lesetisch Platz, wo er seine literarischen Werke aufgetürmt hat, darunter auch seine Biografie: „Das ganze schrecklich schöne Leben“. Denn es gibt nicht nur den Liedermascher, der mit seinen Texten Frechheit, Eindringlichkeit und Lebenslust zugleich verkörpert, es gibt auch den Schauspieler, Kabarettisten, Pianisten und Sänger Konstantin Wecker. Aber vor allem ist da der Lyriker, der die Welt am liebsten „poetisieren“ möchte, und wenn es mit einem Gedicht von Novalis ist: „Erst wenn gleich warmen Sommerwinden die Menschen sich zusammenfinden, dann fliegt vor einem verkehrten Wort das ganze falsche Wesen fort.“

Es sind vor allem seine Gedichte zwischen Zärtlichkeit und Wut, die ihm einfach „passieren“. Manchmal sind sie seinem Leben ein Stück voraus, manchmal hinken sie hinterher. Seine Lieder sind oft politisch, wie bei Hannes Wader und Reinhard Mey, Antifaschismus ist sein Lebensthema. Und so heißt auch sein neues Album „Sage Nein! Antifaschistische Lieder 1978 bis heute“.

Rein äußerlich hat der Mann im Sakko mit dem seriösen Haarschnitt keine Ähnlichkeit mehr mit jenem Revoluzzer, der in den 60er-Jahren im langen Nerzmantel durch Schwabing zog und wie ein Zuhälter aussehen wollte. Wecker erzählt, nicht ohne Ironie von jenen Zeiten, in denen er auch mal einfach vom Barhocker fiel, wenn er mit seinen Freunden Dieter Hildebrandt und Werner Schneyder um die Häuser zog. Auch dass er schließlich bei der Geburt seines Sohnes, nach Drogen und Gefängnis, endlich beschloss, seine Pubertät zu beenden. „Da war ich 50.“ Über 600 Lieder, Musicals, Gedichte, 23 Studioalben und 14 Live-CDs begleiteten sein uferloses Leben.

Es gibt Momente an diesem Abend, die so voller Zärtlichkeit sind, dass man automatisch den Atem anhält. Dann erhebt sich seine sonore Stimme wie ein Klangteppich und mit dem suggestiven Sprechen des ausgebildeten Schauspielers erzählt er von seinen Eltern, „diesen herrlichen Antifaschisten“, von seinem Vater, dem Opernsänger, dem die Angst vor der Bühne im Weg stand, der jedoch in der zweiten Reihe glücklich war und in ihm, dem Sohn, die Musik erweckte. „Als mein Vater starb, lag er nicht im Sterben, er saß im Sterben, denn er wollte es als Narr tun.“

Am Schluss lassen ihn seine Fans, die sich rhythmisch klatschend erheben, nicht gehen. Eine Zugabe nach der anderen folgt. Wecker begibt sich ins Publikum, schüttelt Hände, singt die wunderbare Ballade „Caruso“ von Lucio Dalla, interpretiert Jacques Brel und haut schließlich, zusammen mit Jo Barnickel, noch einen übermütigen Boogie in die Tasten. rav